Hoffnung

Hoffnung ist


„Eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung,
Gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung,
Dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintreten wird,
Ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.“


So lautet der entsprechende Wikipedia-Eintrag.

Ist es nicht erstaunlich, wie bei manchen Menschen bereits
Ein Sandkorn Hoffnung Wunder bewirkt?
Kennst du sonst irgendetwas auf der Welt, das so effektiv ist,
Dass kleinste Mengen entscheidend sind?
Über den weiteren Lebensweg, links oder rechts
Über die Haltung, mit der du Misserfolge empfängst
Über Glaube, Persistenz oder Kapitulation
Über den Verlauf zwischenmenschlicher Beziehungen,
Oder diplomatischer Verhältnisse ganzer Nationen?

Woran ich glaube ist, dass jedes aufrichtige freundliche Wort,
Eine ehrliche Wertschätzung, die du ausdrückst,
Oder einfach nur offene Zuwendung
Dabei helfen können, neue Hoffnung zu wecken;
In die eigenen Fähigkeiten, sich über Wasser halten zu können
Oder sogar in bereits aufgegebene Mitmenschen.
Und wenn‘s auch nur ein zartes Sandkorn ist
Wer weiß, vielleicht entsteht daraus mal ein Fels,
Der vor den Wellen in der Brandung schützt.

Identität

Hier ein kleines Gedicht als Antwort auf die vielen AFD-Stimmen in den östlichen Bundesländern. Ich widme es zudem meiner herzallerliebsten Oberärztin, die es einfach nicht lassen kann, rassistisch/diskriminierend zu sein. Ist ja auch nicht so leicht, wenn man’s gewöhnt ist, nicht?

Einer meiner ersten Kindheitserinnerungen
Vor mehr als 20 Jahren
Die eigentlich von der Sorte sind,
Dass sie verschwommen sind und vage
Haben eine Gemeinsamkeit, die sie alle teilen
Die arabische Sprache, sie untermalt jede Begebenheit.
Sie bildet den Hintergrund, verleiht ihm eine Farbe,
Die mir heute so vertraut ist wie mein eigener Name
Der Klang ihrer Worte und ihre melodischen Sätze
Bildeten die akustische Kulisse meiner ersten Schritte.

Als ich dann zum aller ersten Mal, vor mehr als 15 Jahren
Das Land meiner Eltern besuchte,
Das ich kannte vom Hören Sagen
Begrüßte es mich mit einer Welle der Hitze
Wie ich sie bisher nie empfunden oder ertragen musste.
Die säumenden Palmen und der Sandmantel der Wege
Der Verkehr so chaotisch wie ich ihn noch nie erlebte
Die fremden Straßen und die vielen Menschen, die sie schmückten
Ich weiß noch, wie das Unbekannte diesen Reiz ausübte.
Und ich liebte jeden einzelnen Aspekt und jede Wahrnehmung,
Nichts war mit Negativität befleckt,
Sondern einfach nur anders.

Der reißende Nil, der die Sonne verschluckte,
Und das blasse Licht des Mondes, das Pyramiden umhüllte,
Die Mückenschwärme, die den Reisfeldern folgten,
Sowie Wüstendünen nach Sonnenuntergang,
Der warme Sand, der meine Beine berührte
Nachdem ich im eiskalten Brunnenwasser spielte,
All das sind Erinnerungen die ich habe,
Aus schon so lange vergangenen Tagen,
Aber ich empfinde noch heute Vertrautheit und Wärme
Wann immer ich dazu komme daran zurück zu denken.

Eigentlich kennt man einen Ort nur zu einem Zeitpunkt.
Und die Perspektive diktiert dann die Wahrnehmung.
Daher bleibt mir auch ein dieselbe Erfahrung verwehrt,
Weil der Ort, zu dem man fährt, und der Mensch, der ihn erfährt
Nicht mehr dieselben sind.
Erinnerungen sind eine Momentaufnahme, die man einfing.
So individuell wie ein Fingerabdruck oder eine Weltsicht.
Ich komme also nicht umhin, in Nostalgie zu schwelgen
An längst vergangene Zeiten zu denken,
Die es so nie wieder geben kann.

Weil niemand Zeit und Geschichte aufhalten kann.

Denn eine Revolution später
Sowie ein Putsch, der Zwietracht säte
Und ich erkenne weder Land, noch Menschen wieder,
Die Unschuldige hinter Gittern ihrem Schicksal überließen.
Der Drang nach Fortschritt wurde durch die Angst erstickt,
Welche Instabilität ein neues System mit sich bringt.
Enttäuschte Hoffnungen und Stagnation
Sind die Früchte dieser einst so mutigen Revolution

Doch die Erinnerungen an dieses Land
Und die Sprache, die mich stets mit ihm verband,
Sind ein Teil meiner Identität,
Eng mit mir und meiner deutschen Nationalität verwebt,
Weil Identität nun mal nicht einschichtig ist,
Kein Aspekt, den anderen ausschließt oder aushebelt,
Sondern mehr eine Art Mosaik, das in Bewegung ist.

Meine Wurzeln sind mir nicht völlig unbekannt,
Nur liegen sie in einem nicht mehr existenten Land.
Meine Geschichte gehört mir und ändert nichts daran,
Dass ich dir ebenbürtig bin,
Ein Mensch mit Herz und Verstand.
Diesen Ort werde ich weiter vehement Heimat nennen,
Egal wie sehr man versucht, mich davon abzubringen.
Denn mein Dasein ist der beste Beweis, ich konnte alles vereinen
Die angeblichen Gegensätze, sie bildeten den schönsten Reim.

Menschlichkeit III

Ich wünsche mir nur etwas Anerkennung dafür, dass ich mein Bestes gebe. Ist das falsch? Wahrscheinlich ist es nur menschlich, dieses Bedürfnis nach Wertschätzung. Irgendwann, wenn Kritik und Lob zu sehr ins Ungleichgewicht geraten, fängt die Frustration an. Dass ich dazu neige, es allen recht machen zu wollen, macht es nicht einfacher. Ich versuche mit aller Kraft, alles richtig zu machen, nichts zu übersehen und dabei die Empathie nicht auf der Strecke zu lassen, und trotzdem fühlt es sich so an, als würde es nicht reichen. Das ist schätze ich das, wovor ich immer Angst hatte. Dass es einfach nicht reicht.


Als Arzt hast du zu funktionieren. Punkt. Deine Menschlichkeit, deine Bedürfnisse sind nebensächlich. Das System Krankenhaus hat oberste Priorität. Das große Uhrwerk muss nun mal am Laufen gehalten werden, die einzelnen Zahnräder spielen dabei keine Rolle, sie sind nicht wichtig. Hauptsache sie tun ihren Job. Was er ihnen abverlangt, welchen Preis sie zahlen, ist kein Thema. Instandsetzung wird überbewertet, denn im Vordergrund steht, dass sich die Zeiger bewegen, möglichst Richtung Profit. Und ich reibe mich auf bei dem Versuch, es meinen Kollegen und Oberärzten recht zu machen, aber wieso? Ich bin ein Mensch, ich werde nun mal Dinge übersehen oder falsch machen, das liegt in meiner Natur, auch wenn ich mich bemühe. Doch wie halte ich die Kritik, das persistierende Fordern nach mehr, nach mehr Leistung, mehr Arbeit von mir fern? Wie mache ich die Zufriedenheit mit meiner Arbeit nicht von den Aussagen anderer abhängig?


Für mich wird immer der Patient im Mittelpunkt stehen. Sein Wohlergehen, seine Interessen, und nicht die diplomatischen Verhältnisse zweier Chefärzte. Ich gebe mein Bestes, weil ich der Verantwortung, die ich trage, gerecht werden möchte. An manchen Tagen bin ich so über mich hinausgewachsen. An anderen tat ich, trotz meiner Bemühungen, etwas falsch. Das löscht nicht all das aus, was ich bis dahin richtig entscheiden konnte. Ich war nur ein Mensch, der etwas lernen musste. Ich kann und muss mitfühlend und nachsichtig mit mir selbst sein, denn das ist häufig leider niemand sonst. Sagt das nicht viel über das Arbeitsklima aus?


Ich arbeite gerne auf der Intensivstation. Ich betrachte meine Patienten als einen großen Organismus, ganzheitlich mit Soma und Psyche, und nicht nur als ein Organsystem. Ich bin Zeugin schöner Genesungen, aber auch von viel Tragik und Tod. Letzteres macht es manchmal sehr, sehr schwer, nicht zu zynisch zu werden. Eigentlich wollte ich mir meine Zuversicht erhalten, die Zuversicht, dass selbst wenn alles schieflief, es immer richtig und gut war, Alles zu geben. Trotzdem ist es nicht leicht, sich nicht machtlos und unbedeutend zu fühlen. Dann muss ich an einen Auszug einer Rede von Theodore Roosevelt denken, der lautet wie folgt:

„Es ist nicht der Kritiker der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte besser machen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt, und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat, sodass sein Platz niemals bei den kalten und furchtsamen Seelen sein wird, die weder Sieg noch Niederlage kennen…“

Ansprache „Citizenship in a Republic“, Frühling 1910 an der Sorbonne

Veränderungen

Warum ist es manchmal so schwer,
Sich an neue Lebensumstände zu gewöhnen?
Selbst wenn die Veränderungen positiv sind,
Selbst dann finde ich mich in einem Wirbel aus
Gefühlen, Gedanken und Ängsten wieder.
Wie schwer es mir fällt, aus ihm schlau zu werden,
Eine Art Ordnung herzustellen.
Was bedeuten diese Ängste?
Was befürchte ich zu vermasseln?
Und wieso wirkt die Zukunft mehr wir eine
Unbekannte, bedrohliche Variable,
Statt wie eine Muschel, die irgendwo in ihrem Inneren
Eine glänzende Perle bereithält?
Warum immer diese Selbstzweifel?
Selbst wenn alles am Ende anders käme als erhofft,
Ironie sich breit machen würde oder
Ein Hindernis sich vor mir aufbaut,
Ich weiß, dass es am Ende irgendwie weitergeht.

Ein kleiner Schritt folgt dem nächsten.
Auch ein holpriger Weg ist das Ziel,
Und nicht nur eine Brücke zwischen zwei Ufern des Nils.

Was kannst du lernen, was lässt sich entdecken?
Schönheit lauert einem nicht selten auf,
In unscheinbaren Winkeln der Wahrnehmung,
Um bewusst wertgeschätzt zu werden.
Genauso wie du versuchst, mit dem Schlimmsten zu rechnen,
Gewappnet zu sein für alle möglichen
Komplikationen und Wendungen,
Musst du auch versuchen zu vertrauen.
Ich möchte nicht aufhören so viel zu fühlen oder nachzudenken.
Ich wünschte mir nur eine bessere Sicht bei Nebel.

Das Monster oder Menschlichkeit II

Alles was ich tat war wegrennen.
Wegrennen vor dem was ich zurückließ.
Vor einer entstellten Gestalt aus Erinnerungen, Schuld und Scham,
Nur um dabei zuzusehen, wie sie mich einholte,
Sobald die Situation es zuließ.
Ich dachte ich könnte durch hartnäckiges
Ignorieren und Verdrängen und Vergessen
Alles einfach ungeschehen machen.

Bis ich endlich erkannte, dass das unmöglich war.
Bis ich endlich erkannte, dass ich mich nicht schämen brauche.
Bis ich endlich erkannte, dass ich innehalten, mich umdrehen
Und dem Monster ins Gesicht schauen musste.

Warum ist es denn ein Monster?
Warum jagt es mir so viel Angst ein,
Dass es mich, nach Atem ringend, in die Flucht treibt,
In der Hoffnung, ein kleines bisschen Frieden finden zu können?

Ich verstand, dass der einzige Weg hinaus aus dem Kreislauf DURCH
Den düsteren Wald des Schmerzes führte.
Und dass ich lernen musste zu benennen, was mich heimsuchte.
Ich musste lernen mir zu vergeben,
Jeder einzelnen Version meiner selbst,
Die ich bisher verabscheute, verkannte oder verurteilte.
Ich musste langsam lernen, wie ich meine Vergangenheit besuchen konnte,
Ohne von ihr verschlungen zu werden.
Und vor allem lernte ich, mir selbst Zeit zu geben,
Weil neue Wege nicht über Nacht entstehen.
Erst als ich jegliche Vergleiche mit anderen einstellte, lernte ich
Es mir nicht mehr vorzuwerfen,
Wenn ich den Umgang mit dem Monster immer noch nicht beherrschte.

Weil Menschen unterschiedlich sind.
Weil jeder anders mit schwierigen Erlebnissen umzugehen lernt.
Weil es mich nicht zu einer schwächeren Person macht, wenn ich
Fühle und trauere und suche und zweifle,
Sondern das alles einfach nur meine Menschlichkeit offenbart.

Und wann habe ich angefangen, mich dafür zu schämen?
Wann habe ich gelernt, dass Menschlichkeit Schwäche entspricht?
Und wie mache ich diesen Trugschluss rückgängig?
Ich arbeite immer noch dran, in mich hinein zu lauschen
Und zu respektieren, was sich da bemerkbar macht.
Ihr Platz einzufordern und sie zu verteidigen,
Wenn sie jemand angegriffen hat.
Ich möchte mich nicht mehr dafür schämen, dass ich gestrauchelt hab‘.
Ich möchte davon erzählen können, um zu zeigen,
Dass sogar tiefe Wunden heilen,
Wenn man nicht der Zeit diese Aufgabe überträgt,
Sondern sich selbst.

Ich möchte davon erzählen können, dass man so
Menschlich und sensibel und verletzlich
Sein kann wie ich, ohne befürchten zu müssen,
Eine schlechtere Ärztin zu sein.
Sondern all diese Eigenschaften als Geschenk zu betrachten,
Die nach langem Ringen das Monster endlich entwaffnen.

Das blaue Meer

Etwas zieht dumpf in meiner Brust

Und schnürt sie immer enger zu.

Ein Gefühl, das das Atmen erschwert.

Kurz spüre ich es weniger, dann doch sehr.

Und ein salziger Film bildet sich.

Es ist so als hätte ich etwas bei dir gelassen,

Ohne es von mir gelöst zu haben.

Jetzt merke ich wie die Entfernung daran zupft und zerrt.

Sie überdehnt es mehr und mehr.

Nur reißen will es nicht, nicht mal für einen Augenblick.

Den Preis dafür zahle ich mit

Einer Sehnsucht die so tief ist wie das blaue Meer,

Das ich nicht mal im Traum wagte zu überqueren.

Der Hafen ist mein Zeuge, lang‘ ist’s her,

Dass ich ein Risiko einging und ihn verließ.

Doch für dich nehme ich jedes Unwetter in Kauf,

Wenn das bedeutet, ich darf dir in die Augen schauen,

Deren grün leuchtet, sobald die Sonnenstrahlen auf sie treffen.

Fast so wie du all das aufdeckst, was ich mühsam versuchte zu verstecken.

Und jetzt stehe hier,

Ohne Furcht vor dem unbekannten Wellenspiel.

Denn die liebevolle, barmherzige Macht die uns zueinander führte,

Könnte jeden Weg ebnen, den das Wasser jemals berührte.

Liebe ist…

Vor Kurzem habe ich die von Rainer Maria Rilke verfassten „Briefe an einen jungen Dichter“ gelesen. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann ich zuletzt etwas lesen durfte, das so tröstlich und lehrreich gleichzeitig war. Rilke besaß, finde ich, die Gabe menschliche, innere Zustände in passende, sehr aussagekräftige Worte zu fassen. Ich denke, dass ich, obwohl die Briefe eigentlich an jemand anderen adressiert waren, immer wieder zur Erinnerung und zum Trost zu ihnen zurückkehren werde,

Eine Aussage hat mich besonders beschäftigt. Sie lautet wie folgt:

[…] Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“

In den Mainstream-Medien, wie Filmen und der Musikindustrie, wird die Liebe häufig wie ein Zustand beschrieben, bei dem zwei Menschen miteinander verschmelzen und dazu bereit sind, alles für den/die Angebetete(n) aufzugeben. Sie sind bereit, den anderen Menschen zum Mittelpunkt ihres Lebens zu machen, nach dem sich alles ausrichtet. Einsamkeit ist das unliebsame Gegenteil dazu, das man zu vermeiden versucht.

Ich vertrete jetzt vielleicht eine etwas unpopuläre Meinung wenn ich sage, dass ich von dieser Vorstellung von Liebe nicht viel halte. Diese Art von Liebe, bei der sich Menschen fast ausschließlich über sie definieren und Grenzen verschwimmen, bis sie nicht mehr auszumachen sind, finde ich eher problematisch. Dabei tun sich sicherlich irgendwann Probleme auf, die keiner der beiden Liebenden für den anderen lösen kann.

Rilke war, so wie ich verstanden habe, der Meinung, dass wir erst Einsamkeit aushalten und mit ihr wachsen müssen, um lieben zu können. Dass Einsamkeit notwendig ist, um gesunde Beziehungen zu führen. Denn nur wer sich abgrenzen kann, etwas Eigenes besitzt, kann eine liebevolle Beziehung von Mensch zu Mensch bilden, die „unendlich rücksichtsvoll und leise“ ist:

[Sie] müssen lieben lernen. […] und so ist Lieben […]: Einsamkeit, gesteigertes und vertieftes Alleinsein für den, der liebt. Lieben ist […] ein erhabener Anlaß für den einzelnen, zu reifen, in sich etwas zu werden, Welt zu werde, Welt zu werden für sich um eines anderen willen […].“

Liebe bedeutet also für mich, dass zwei Menschen eigene Individuen bleiben, die aus tiefer Zuneigung heraus die Grenzen des anderen aufrechterhalten und achten. Sie sind nicht zusammen, um Einsamkeit zu entkommen oder ihr aus dem Weg zu gehen. Sie verstehen, dass sie Teil menschlichen Erlebens ist und manche Fragen jeder Mensch nur für sich beantworten kann. Liebe ist für mich, wenn zwei Menschen die Identität des anderen schützen und dabei wertschätzend, achtsam und gut zueinander sind.

Quelle: Rainer Maria Rilke, „Briefe an einen jungen Dichter“, Insel Verlag 2019

Willkommen

Siehst du in den selben blauen Himmel wie ich?
Ist er genauso weit, so klar, so zuversichtlich?
Wirkt für dich das vertraute, strahlende Blau
Auch wie ein Versprechen aus einem Traum?

Siehst du die lächelnden Knospen der Bäume?
Wie gern würde ich den Blättern und Blüten helfen
Aus der behaglichen Enge auszubrechen,
Um ihnen zu zeigen welche Welt sie verzieren.

Gerade scheint sie nämlich friedlich und sicher zu sein.
Die kleinen Sprossen tragen nicht unerheblich dazu bei.
Denn sie erinnern daran, was alles erwachen kann,
Selbst wenn der lange Winter Spuren hinterlassen hat.

Willkommen Frühling, du wurdest sehnlichst erwartet!
Bitte bleib noch ein bisschen, ich habe Tee zubereitet…

Fragezeichen

Starre. Erstaunen.
Meine Welt, sie enthält neue Formen.
Alles wovor ich wegzurennen schien,
Fand den Weg zurück zu mir.
Wünsche, die ich kaum wagte auszusprechen,
Weil ich fürchtete, dabei zusammenzubrechen,
Sind plötzlich eine Gestalt aus Fleisch und Blut.
Woher bist du gekommen, wieso zu mir?
Dachte meine Sehnsucht ist für immer ohne Ziel.
Doch alte Ängste, alte Sorgen,
Alte Muster bleiben nicht verborgen.
Ich kenne ja nur die Einsamkeit,
Liebe innig ihre Sicherheit.

Jedoch bietest du mir mutig etwas an,
Das so selten ist wie ein Gewitter
Über einem feuerspeienden Vulkan.
Bedingungslose Akzeptanz und Zuneigung,
Die keine Gegenleistung verlangt.
Passiert das wirklich? Wie hat das angefangen?
Die verletzliche Skepsis will nicht weichen,
Wartet lauernd auf ein verräterisches Zeichen.
Ich hoffe wirklich du bist kein langer, schöner Traum,
Aus dem ich gerissen werde sobald ich ihm trau‘.
Danke, mein lieber Freund, dass es dich gibt.
Ich hoffe du weißt wie hell du leuchtest,
Selbst wenn das Auge dich nicht sieht.

Selbstbewusstsein

Ich habe gerade den Unterschied zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz gegoogelt. Dabei habe ich es so verstanden, dass Arroganz meist aus Unsicherheit entsteht. Die betroffene Person fühlt sich „höherwertiger“, indem sie andere Menschen herabsetzt und schlecht behandelt. Selbstbewusstsein allerdings bedeutet, dass man eigene Gefühle sowie Gedanken angemessen ausdrücken, nein sagen und für eigene Rechte einstehen kann, OHNE Menschen zu beleidigen. Andere kommen also eigentlich nicht zu Schaden, ganz im Gegenteil. Ein selbstbewusster Mensch ist in der Lage, auf die Meinungen und Bedürfnisse anderer einzugehen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, weil er es nicht nötig hat, anderen die eigene Überlegenheit zu beweisen. Das hört sich doch einleuchtend an. Interessant, wie häufig jedoch diese beiden Begriffe verwechselt werden. Sie scheinen einander fast schon auszuschließen, finde ich.

Ich bin über den Hinweis gestolpert, dass aufgrund althergebrachter gesellschaftlicher Normen und Vorurteile selbstbewussten Frauen häufiger Arroganz, Penetranz und Wut unterstellt wird. Dieser Hinweis fand in mir direkt vehemente Zustimmung…leider. Das ist etwas, was mich in der Vergangenheit nicht nur einmal sehr, sehr verletzt hat. Der Vorwurf, ich sei arrogant, weil ich beruflich respektvoll, aber durchsetzungsstark kommuniziert habe. Das wird Männern deutlich seltener übel genommen, denn Männer werden traditionell in Führungsrollen gesehen. Manchen Menschen fällt es dadurch, schätze ich, leichter, Anweisungen oder klare Aussagen von ihnen anzunehmen. Diese Ungleichheit darin, mit welcher Haltung und mit welchen Vorurteilen Ärztinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen begegnet wird, ist bei mir auf der Arbeit kein seltenes Gesprächsthema. Dabei fällt es so einigen männlichen Kollegen überhaupt nicht schwer einzugestehen, dass sie diese Unterschiede bereits beobachtet haben und sie verurteilen.

Der Vorwurf der Arroganz macht mich traurig. Weil ich mir unheimlich viel Mühe damit gebe, respektvoll, rücksichtsvoll und transparent zu kommunizieren, egal ob es um berufliche Interaktionen oder um Diskussionen mit pflegerischen/ärztlichen KollegInnen geht. Klar, bin ich auch nur ein Mensch und mache Fehler, leider ziemlich regelmäßig. Aber ich kann ganz aufrichtig sagen, dass ich nie zögere, mich zu entschuldigen. Trotzdem passiert es sehr schnell, dass selbstbewusstes Aufzeigen von Grenzen oder die Aussprache eigener Meinungen, egal wie vorsichtig formuliert (und ich bin ein bedächtiger Mensch), als Arroganz missverstanden wird. Also versuche ich mich damit abzufinden, den Vorwurf immer wieder hören zu müssen, wenn ich selbstbewusst kommuniziere.

Denn ich möchte mir das Recht nicht nehmen lassen, meine eigenen Gedanken und Bedürfnisse auszuformulieren, Grenzen aufzuzeigen, die jede zwischenmenschliche Beziehung braucht, und meine fachlichen Kompetenzen einzubringen. Das bedeutet nicht, dass ich andere dabei einschränken möchte oder herabsetzen, gar beleidigen darf, um Gottes Willen. Ich bitte, nein, ich fordere nur den gleichen Respekt ein, der meinen männlichen, weißen Kollegen ganz selbstverständlich entgegengebracht wird. Weil Respekt die Grundlage für ein wertschätzendes, rücksichtsvolles Miteinander ist. Ganz egal ob es sich um eine Interaktion zwischen zwei ÄrztInnen, Arzt/Ärztin und Pflegekraft, oder Arzt/Ärztin und Reinigungskraft handelt, das ist doch völlig egal, der Respekt muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Jedem Menschen sollte der Raum eingestanden werden, eigene Gefühle, Bedürfnisse und Reaktionen auf andere angemessen ausdrücken zu können. Aus Respekt von Mensch zu Mensch, eben weil wir ALLE Menschen sind.